Zwei Nepalesen am Arlberg

Lech am Arlberg gilt als teures Plaster. Hier kostet alles viel Geld, nur die Bergluft gibt’s noch gratis. Also habe ich die bei meinem Tagesbesuch, von Innsbruck aus, Ende Februar intensiv genossen und von dem Rest die Finger gelassen.

In der frischen Luft über Lech

Lech am Arlberg

Aber ich war nicht wegen der guten Luft nach Lech gekommen, sondern wegen eines Besuchstermins, in Downtown Lech, im Hotel Lavendel. Ein kleines, feines Haus am Platz, von einer Familie geführt. Und die wird von meinen zwei Freunden aus Nepal tatkräftig unterstützt. Die Beiden, Manisha und Sarad, sind ein Paar und stammen aus einem Dorf in der Region Pokhara.

Im Hotel Lavendel in Lech

Sarad hatte früher als Oberkellner im Hotel meines Freundes Prem gearbeitet und mir beim ein oder anderen TV-Job auch als Statist geholfen. Aber auch im kleinsten Dorf in Nepal war die Kunde angekommen, dass es im Tourismussektor in Europa viel, viel mehr zu verdienen gab. Also hat Sarad übers Netz Kontakte geknüpft und es so geschafft mit seiner Frau vor drei Jahren in einer 3-Sterne Hotelanlage auf der kleinen Insel Gozo, vor Malta, anzuheuern. Mit viel Reis, Tee und heimischen Gewürzen im Gepäck hatten sie den Sprung nach Europa gewagt. Ich habe sie dort im Herbst 23 besucht und ihnen Mut zugesprochen. Zu der Zeit waren die Bürgersteige auf Gozo schon lange hochgeklappt, die meisten Touristen weg, die Stimmung trist.

Im November 23 auf Gozo

Manisha und Sarad mussten Hausmeisterjobs verrichten

und verdienten wenig Geld. Europa hatten sie sich ziemlich anders vorgestellt. Aber sie haben durchgehalten, die nächste Hochsaison noch mitgenommen und sind anschließend nach Nepal zurückgekehrt. In den kommenden Monaten hatte Sarad es dann geschafft, einen Arzt aus Lech zu kontaktieren, der regelmäßig im Begnas Resort meines Freundes Prem in Nepal Ayurveda Kuren macht. Der gute Mann hatte seine lokalen Kontakte genutzt, Sarad viel Zeit, Geld und Nerven in die Visabeschaffung in Kathmandu gesteckt und dann stiegen Manisha und Sarad an einem Samstag im letzten Frühwinter in Lech aus dem Bus, der sie vom Züricher Flughafen direkt ins Zentrum von Lech am Arlberg transportiert hatte. In einem der teuersten Skigebiete Europas sollten die Beiden im 4 Sterne Garni-Hotel Lavendel die guten Hausgeister und Hausmeister spielen. Frühstück machen, kochen, putzen, waschen, reparieren.

Und deutsch lernen.

Denn auch wenn in Lech viele kosmopolitische Menschen mit Englischkenntnissen Urlaub machen, ein bisschen Schmäh und Small Talk mit den Gästen in Deutsch sorgt für lockere Stimmung und tut der eigenen Trinkgeldkasse gut. Das Problem: Wenn Nepalesen in Lech am Arlberg an einer Sprachschule Deutsch lernen, lernen sie Hochdeutsch, aber die Einheimischen sprechen Vorarlbergerisch. Die Folge: Der Nepalese mischt sein Pidgin-Englisch mit den beiden eben genannten Sprachen und herauskommt ein ziemlich lustiger Sprachmix.

Manisha und Sarad liefern eine richtig gute Arbeit ab,

das versicherten mir die Besitzerinnen des Hotels. Sie versicherten mir auch, dass der nepalesische Einfluss im Haus eine sehr entspannte Atmosphäre hat entstehen lassen. Und dass Manisha wahre Wunder bei der Schnitzel- und Speckknödelzubereitung vollbringt. Und überhaupt, dass die Freude bei allen sehr groß sei, dass man zueinander gefunden hat. Ich habe Sarad natürlich auch gefragt, wann sie denn mal auf die Skier steigen würden. Diese Frage fand er ziemlich abwegig. Auch meinen Einwand, dass er sich doch schließlich im absoluten Mekka aller Skibrett-Artisten befände, wische er freundlich, aber bestimmt vom Tisch.

Sinngemäß meinte er:

Mit einer Gondel auf einen Berg fahren, ok! Aber das den ganzen Tag und zwischendurch mit Betonklötzen an den Füßen über glattes, kaltes Eis halsbrecherisch zu Tal stolpern – einfach Quatsch. Vor allem, wenn man bedenkt, dass man drei Monate später über herrliche Wanderwege bequem und völlig gefahrlos ins Tal spazieren könnte. Ich dachte an unseren ehemaligen Au-Pair Boy Mohan, ebenfalls aus Nepal. Den hatte ich genötigt mit mir den Hamburg Marathon zu laufen. Obwohl auf der Strecke an Marathon-freien Tagen Busse verkehrten und Taxis fuhren. Zu laufen, wenn der Bus fährt, hielt Mohan für extrem dämlich. Er hat es mir zum Gefallen getan. Zurück in Nepal, hat er sich vom Ersparten sofort ein Moped gekauft und ist fortan keinen Meter mehr zu Fuß gegangen.  Ich habe Sarad dann auch gefragt, ob er denn zumindest verstehen könnte, dass alle Menschen um ihn herum so viel Spaß mit Ski fahren haben und für den Spaß auch keine Kosten und Mühen scheuen würden.

Dazu meinte er:

Nein, nicht wirklich. Aber ich habe auch keine Ahnung, warum ihr bei uns für viel Geld auf den Everest steigt oder da oben am Berg tot liegen bleibt. Euch machen komische Sachen Spaß. Aber völlig egal, ihr habt Spaß und wir verdienen Geld damit.

Tja, was wäre die Mount Everest Region ohne Trekking- und Bergsteigertourismus, und was wäre Lech am Arlberg ohne Skizirkus.

Apres Ski vorm Hotel Krone

Vermutlich ein klassisches Kuhkaff. Im Mittelalter war die gesamte Arlbergregion fast nichts wert. Sie wurde schlichtweg verschenkt. Als Jagdrevier für den Augsburger Bischof.

Lech wie früher

Heute legt man rund um Lech für einen Quadratmeter Bauland schon mal über 8000.- Euro auf den Tisch.

Lech heute

Ich habe mit Sarad in der Abenddämmerung dann noch einen kleinen Zug durch seine neue Gemeinde gemacht. Den Gasthof Post haben wir uns nur von außen angeschaut, für innen fehlte uns das Geld.

Sarad vor dem bescheidenen Eingang der Luxusherberge

Das Traditionshaus zählt zu den ersten Adressen in Österreich. Das Niederländische Königshaus macht hier seit über 60 Jahren Winterurlaub, Einen Campingplatz gibts in Lech wohl nicht.

Natürlich wollte ich von Sarad auch wissen, ob sich der ganze Aufwand denn auch wirklich für sie lohnt. Er hat mir vorgerechnet: Ich verdiene ziemlich exakt das Zehnfache, im Vergleich zu NepaL Bei freier Kost und Logis und bei der Mitarbeit von Manisha können wir zusammen knapp 3000,- Euro im Monat sparen.

Gut zu hören und auch gut zu wissen, dass die Beiden auch im nächsten Winter wieder im Hotel Lavendel „nach dem Rechten sehen werden“.

Am Abend bin ich wieder zurück nach Innsbruck gefahren. Da hatte die Jugend der Stadt schon das Frühjahr eingeläutet.

Abhängen vor der Kulisse der Karwendel-Nordkette

Interner Link für das kleine, feine Hotel Lavendel

https://de.lavendel.at

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Mera Peak

Ich - Mikka Ich war schon immer eher Läufer und nicht Rädchen-Fahrer. Wir wohnten am Hang, ein unbefestigter Feldweg führte zu unserem Haus. Wir haben unsere Räder immer mehr geschoben als gefahren. Später verdiente ich mein Geld als Bademeister und Fensterputzer, da war ich auch viel zu Fuß unterwegs, ja und dann habe ich mit dem Marathon laufen angefangen. Und mit dem Bergwandern, ich war auch Reiseleiter im Himalaya. Als das Heruntergehen meinen Knien nicht mehr gefiel, hab ich das Paragleiten gelernt. Soviel zu meiner Sportkarriere. Beruflich lief es auch nicht so glatt. Als Junge wollte ich die Wetterstation auf der Zugspitze übernehmen. Es hat dann nur zum Wetterfrosch ohne Ausbildung gereicht. Lehrer konnte ich auch nicht werden, da hatte ich zwar eine Ausbildung, aber das Land NRW keine Jobs. Also wurde ich eben Reiseleiter, Reisereferent, Reiseverkäufer, Reiseredakteur und Reisejournalist. Ich bin ein bisschen herumgekommen. Habe Reisefilme gedreht, Reiseartikel und zwei Reisebücher geschrieben. Ich habe vor und hinter der Kamera gestanden, den Mount Everest fast bestiegen und die Sahara quasi durchquert. Ich bin viele Berge hochgelaufen und heruntergeflogen und ich bin seit 65 Jahren Gladbach Fan. Ich wurde in Mönchengladbach geboren.

Comments (2)

  1. Kluge Leute 😉

  2. Hans Küpper

    👍

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