Ein Plastikstuhl steht morgens um 7 an einem rauchigen Holzofen im Wohn- und Esszimmer der Himalayan Lodge in Kothe in der Everest Region. Der Ofen ist kalt und stinkt wie ein Aschenbecher. Ich sitze auf dem Plastikstuhl und ich bin auch kalt, obwohl ich erst vor zwanzig Minuten aus dem warmen Schlafsack gekrochen bin. Alle Klamotten, die noch trocken und halbwegs sauber sind, trage ich übereinander. Ich habe mir keine Zähne geputzt und auch nicht mein Gesicht gewaschen. Warum auch, ich habe kaum was gegessen und mich auch nicht dreckig gemacht.
Karl Lagerfeld
hat seinerzeit behauptet, man würde die Kontrolle über sein Leben verlieren, wenn man in Trainingshose durch die Stadt spaziert. Das habe ich nicht gemacht, die Kontrolle habe ich trotzdem verloren. Und warum? Weil ich vor drei Tagen auf den Mera Peak gestiegen bin (siehe Blogeinträge vom 15. und 22. Mai), und weil das anstrengend war. Und ich jetzt zu nichts mehr Lust habe, außer in einen Helikopter zu steigen und mich nach Kathmandu fliegen zu lassen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe Nebel, viel Nebel und sehr dichten Nebel. Zwischendurch gibt es Lichtblicke. Ich putze meine Brille mit einem Stück Klopapier aus meiner Jackentasche und schaue nochmal raus. Ja, noch besser! Ich sehe ganz deutlich unser Gepäck auf dem Acker liegen, wo der Heli landen sollte.
Gepäck ja, Heli nein
Aber: Das lag da gestern auch. Diese Maßnahme soll einfach nur ein wenig Hoffnung verbreiten.
Der Chef der Lodge
kommt in Badelatschen aus seinem angrenzenden Schlafzimmer und hat Erbarmen. Er säubert den Ofen, bringt die Asche raus und legt Feuer – mit großen Holzscheiten von knorrigen Rhododendronbäumen. Das hilft, ich kann zumindest die Handschuhe ausziehen. Der Chef bleibt kurz bei mir stehen und erzählt, dass er heute noch hoch Richtung Mera Peak aufsteigen will. Er möchte eine junge Japanerin auf den Gipfel führen. Er selbst hat den Everest schon fünfmal bestiegen. Mit einem heißen Tee sorgt er bei mir für etwas innere Wärme. Um mich herum wird es allmählich turbulenter, Frühstückszeit eben. Ich drücke mir ein Omelett rein, Hunger sieht anders aus. Russische Bergsteiger:innen um mich herum bereiten ihr Equipment für den weiteren Aufstieg vor.
Diese 20 Russen sind keine Putin-Freunde
Sie wirken ambitioniert, im Gegensatz zu mir. Draußen wird der Nebel schwächer und der Regen stärker. Ich dämmere weg und falle fast vom Plastikstuhl. Keiner bekommt es mit, die Russen sind losgezogen, meine Freunde dämmern auch und unseren Sherpas fällt ebenfalls nichts besseres ein.
Unser solidarischer Hüttenhund
Die Hoffnung auf einen Heli-Flug ist seit Stunden verflogen.
Heli-Piloten fliegen auf Sicht.
Und sie fliegen auch nicht durch strömenden Regen, Gewitter und Windboen. Und: Unser Gepäck ist vom Acker verschwunden. Wir verbringen also auch diesen Tag in Kothe mit Nichtstun und Lesen und Dämmern und Dösen – und Denken: Wenn morgen das Wetter weiter verrückt spielt, verabschiede ich mich dann von meinen Flug- und Fluchtgedanken und wandere schlichtweg Richtung Kathmandu, zumindest Richtung nächster Jeep-Piste. Die wäre mindestens zwei sehr schwere Tagesmärsche entfernt.
Temba, unser Sherpa-Chef,
nimmt die Bestellung fürs Mittagessen auf. Ich habe keinen Hunger, wovon auch, ich bewege ja keinen Muskel. Und die Anstrengungen der letzten Tage haben meinem Hunger auch nicht auf die Sprünge geholfen. Hunger könnte ich jetzt vielleicht auf ein Leberwurstbrot entwickeln, aber das steht nicht auf der Speisekarte.
Ich versuche zu lesen, aber die Lust auf Dösen nimmt wieder überhand. Es ist so herrlich ruhig in der Lodge, kein hyperaktiver Russe nervt mehr und für Neuankömmlinge ist es noch zu früh. Dann macht der Lodgebesitzer mobil, er hat seine Badelatschen gegen Trailschuhe ausgetauscht, sagt Frau und Sohn Adieu und ist mit seinem schweren Rucksack ganz schnell ab durch die Mitte. Gegen 15.00 Uhr habe ich mich fast wund gesessen/gelegen.
Der Kopf wird schwer in der dünnen Luft
Das 50 Meter entfernte Dorfcafé wartet auf den ersten Besucher des Tages. Ich gönne mir einen schnellen Cappuccino und fliehe wieder zurück an den heimischen Ofen – im Café war der Ofen aus.
Am späteren Nachmittag nimmt Temba mich wieder ins Visier.
Es ist Zeit für die Abendessen Bestellung. Ich bestelle Nudeln mit Käse. Draußen mischen sich Schneeflocken in den Regen. Schön ist jetzt nur zu wissen, dass wir vor Tagen oben am Berg das perfekte Wetter erwischt haben. Nicht auszudenken, wie die Verhältnisse jetzt da oben, 3000 Meter über uns, sein müssen. Vor dem Essen gibt’s, welch Luxus, ein heißes und feuchtes, kleines Handtuch für das Gesicht, den Nacken und die Hände. Reste von schlechtem Gewissen wegen Duschverweigerung verflüchtigen sich bei mir in Sekundenschnelle. Auf dem Hinweg, vor 8 Tagen, hatten wir an selber Stelle noch 4 Euro in eine lauwarme Dusche mit Tropfvorrichtung investiert.
Ich schaue die Nudeln dann lange an,
esse auch ein paar und konzentriere mich darauf, zumindest bis 8 Uhr nicht in den Schlafsack zu steigen. Draußen bleibt der Schnee nicht liegen, das ist eine gute Nachricht. Pünktlich um 8 packe ich den Schlafsack wieder aus.
Mein gemütliches Zimmer
Meine Tasche hatte Pemba ja schon vor Stunden wieder vom Feld geholt und mir vor die Tür gestellt. Dann liege ich da so auf dem Rücken rum, denke an unseren Gipfelsieg, aber immer wieder einfach nur an den nächsten Morgen. Stunden lang, Helikopter ja oder nein. Gegen 2 Uhr muss ich austreten. Buchstäblich: Ich setze die Stirnlampe auf, quäle mich aus dem Schlafsack, rutsche in meine Laufschuhe, trete gegen meine Sperrholztür (anders geht sie nicht auf, natürlich ist die halbe Lodge jetzt wach) und wanke Richtung Hocktoilette. Auf dem Rückweg versuche ich meine Zimmertür mit etwas mehr Gefühl zu schließen.
Der Versuch mißlingt.
Die kommenden Stunden rücke ich regelmäßig mit dem Kopf, ohne ihn komplett aus dem Schlafsack zu stecken, nah an die Fensterscheibe und sehe draußen mal Nebel und mal Sterne, und in der Morgendämmerung gegen 5 Uhr höre ich Regen. Und fühle Erleichterung. Denn jetzt ist es klar: Wir wandern zurück, die ätzende Warterei und Abhängigkeit von fliegendem Personal hat ein Ende. Gegen 6 Uhr stehe ich auf, putze mir zur Feier des Tages draußen vor der Lodge am Wasserschlauch die Zähne und sehe viele Wolken, aber hohe Wolken. Und dann irgendwann in den nächsten 30 Minuten kommt mächtig Bewegung in die noch schläfrige Atmosphäre.
Die Frau des Chefs faselt was von Heli in ten minutes.
Pemba, unser sonst so tiefenentspannter Sherpa, wiederholt ganz aufgeregt die magischen Worte Heli in ten minutes. Und ich stolpere zum Kartoffelacker, sehr ungläubig und sehr skeptisch. Und natürlich kommt der Heli nicht, und die ersten tiefen Wolkenbänke ziehen ins Tal und ich trotte zurück zur Lodge. Unser Gepäck bleibt auf dem Acker. Ich trinke einen Tee und reserviere meinen Plastikstuhl am Ofen. Und dann höre ich es und sehe es auch – das Fluggerät von AIR DYNASTY HELI SERVICES. Da zuerst Lasten ausgeladen werden müssen, kann ich die letzte Wegetappe zum Helipad ohne Hektik hinter mich bringen.
Beim Auspacken wird jede Hand gebraucht
Es ist kurz nach sieben Uhr. Der Scheibenwischer des Helis muss geschont werden.
Der Pilot hat gute Augen. Die mache ich kurz mal zu und wieder auf. Ich träume nicht, wir fliegen. Kothe adé!
Kothe bei schönem Wetter auf dem Hinweg
Leider landen wir nach ein paar Minuten wieder. War alles doch nur ein Traum, ein Albtraum?
Nein
Nur ein Schreckmoment – ein kurzer Stopover mit Heli- und Pilotenwechsel. Nach 16 Tagen am Berg muss ich zwei Stunden später in Kathmandu endgültig wieder richtig duschen.
Ein Plastikstuhl steht morgens um 7 an einem rauchigen Holzofen im Wohn- und Esszimmer der Himalayan Lodge in Kothe in der Everest Region. Der Ofen ist kalt und stinkt wie ein Aschenbecher. Ich sitze auf dem Plastikstuhl und ich bin auch kalt, obwohl ich erst vor zwanzig Minuten aus dem warmen Schlafsack gekrochen bin. Alle Klamotten, die noch trocken und halbwegs sauber sind, trage ich übereinander. Ich habe mir keine Zähne geputzt und auch nicht mein Gesicht gewaschen. Warum auch, ich habe kaum was gegessen und mich auch nicht dreckig gemacht.
Karl Lagerfeld
hat seinerzeit behauptet, man würde die Kontrolle über sein Leben verlieren, wenn man in Trainingshose durch die Stadt spaziert. Das habe ich nicht gemacht, die Kontrolle habe ich trotzdem verloren. Und warum? Weil ich vor drei Tagen auf den Mera Peak gestiegen bin (siehe Blogeinträge vom 15. und 22. Mai), und weil das anstrengend war. Und ich jetzt zu nichts mehr Lust habe, außer in einen Helikopter zu steigen und mich nach Kathmandu fliegen zu lassen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe Nebel, viel Nebel und sehr dichten Nebel. Zwischendurch gibt es Lichtblicke. Ich putze meine Brille mit einem Stück Klopapier aus meiner Jackentasche und schaue nochmal raus. Ja, noch besser! Ich sehe ganz deutlich unser Gepäck auf dem Acker liegen, wo der Heli landen sollte.
Aber: Das lag da gestern auch. Diese Maßnahme soll einfach nur ein wenig Hoffnung verbreiten.
Der Chef der Lodge
kommt in Badelatschen aus seinem angrenzenden Schlafzimmer und hat Erbarmen. Er säubert den Ofen, bringt die Asche raus und legt Feuer – mit großen Holzscheiten von knorrigen Rhododendronbäumen. Das hilft, ich kann zumindest die Handschuhe ausziehen. Der Chef bleibt kurz bei mir stehen und erzählt, dass er heute noch hoch Richtung Mera Peak aufsteigen will. Er möchte eine junge Japanerin auf den Gipfel führen. Er selbst hat den Everest schon fünfmal bestiegen. Mit einem heißen Tee sorgt er bei mir für etwas innere Wärme. Um mich herum wird es allmählich turbulenter, Frühstückszeit eben. Ich drücke mir ein Omelett rein, Hunger sieht anders aus. Russische Bergsteiger:innen um mich herum bereiten ihr Equipment für den weiteren Aufstieg vor.
Sie wirken ambitioniert, im Gegensatz zu mir. Draußen wird der Nebel schwächer und der Regen stärker. Ich dämmere weg und falle fast vom Plastikstuhl. Keiner bekommt es mit, die Russen sind losgezogen, meine Freunde dämmern auch und unseren Sherpas fällt ebenfalls nichts besseres ein.
Die Hoffnung auf einen Heli-Flug ist seit Stunden verflogen.
Heli-Piloten fliegen auf Sicht.
Und sie fliegen auch nicht durch strömenden Regen, Gewitter und Windboen. Und: Unser Gepäck ist vom Acker verschwunden. Wir verbringen also auch diesen Tag in Kothe mit Nichtstun und Lesen und Dämmern und Dösen – und Denken: Wenn morgen das Wetter weiter verrückt spielt, verabschiede ich mich dann von meinen Flug- und Fluchtgedanken und wandere schlichtweg Richtung Kathmandu, zumindest Richtung nächster Jeep-Piste. Die wäre mindestens zwei sehr schwere Tagesmärsche entfernt.
Temba, unser Sherpa-Chef,
nimmt die Bestellung fürs Mittagessen auf. Ich habe keinen Hunger, wovon auch, ich bewege ja keinen Muskel. Und die Anstrengungen der letzten Tage haben meinem Hunger auch nicht auf die Sprünge geholfen. Hunger könnte ich jetzt vielleicht auf ein Leberwurstbrot entwickeln, aber das steht nicht auf der Speisekarte.
Ich versuche zu lesen, aber die Lust auf Dösen nimmt wieder überhand. Es ist so herrlich ruhig in der Lodge, kein hyperaktiver Russe nervt mehr und für Neuankömmlinge ist es noch zu früh. Dann macht der Lodgebesitzer mobil, er hat seine Badelatschen gegen Trailschuhe ausgetauscht, sagt Frau und Sohn Adieu und ist mit seinem schweren Rucksack ganz schnell ab durch die Mitte. Gegen 15.00 Uhr habe ich mich fast wund gesessen/gelegen.
Das 50 Meter entfernte Dorfcafé wartet auf den ersten Besucher des Tages. Ich gönne mir einen schnellen Cappuccino und fliehe wieder zurück an den heimischen Ofen – im Café war der Ofen aus.
Am späteren Nachmittag nimmt Temba mich wieder ins Visier.
Es ist Zeit für die Abendessen Bestellung. Ich bestelle Nudeln mit Käse. Draußen mischen sich Schneeflocken in den Regen. Schön ist jetzt nur zu wissen, dass wir vor Tagen oben am Berg das perfekte Wetter erwischt haben. Nicht auszudenken, wie die Verhältnisse jetzt da oben, 3000 Meter über uns, sein müssen. Vor dem Essen gibt’s, welch Luxus, ein heißes und feuchtes, kleines Handtuch für das Gesicht, den Nacken und die Hände. Reste von schlechtem Gewissen wegen Duschverweigerung verflüchtigen sich bei mir in Sekundenschnelle. Auf dem Hinweg, vor 8 Tagen, hatten wir an selber Stelle noch 4 Euro in eine lauwarme Dusche mit Tropfvorrichtung investiert.
Ich schaue die Nudeln dann lange an,
esse auch ein paar und konzentriere mich darauf, zumindest bis 8 Uhr nicht in den Schlafsack zu steigen. Draußen bleibt der Schnee nicht liegen, das ist eine gute Nachricht. Pünktlich um 8 packe ich den Schlafsack wieder aus.
Meine Tasche hatte Pemba ja schon vor Stunden wieder vom Feld geholt und mir vor die Tür gestellt. Dann liege ich da so auf dem Rücken rum, denke an unseren Gipfelsieg, aber immer wieder einfach nur an den nächsten Morgen. Stunden lang, Helikopter ja oder nein. Gegen 2 Uhr muss ich austreten. Buchstäblich: Ich setze die Stirnlampe auf, quäle mich aus dem Schlafsack, rutsche in meine Laufschuhe, trete gegen meine Sperrholztür (anders geht sie nicht auf, natürlich ist die halbe Lodge jetzt wach) und wanke Richtung Hocktoilette. Auf dem Rückweg versuche ich meine Zimmertür mit etwas mehr Gefühl zu schließen.
Der Versuch mißlingt.
Die kommenden Stunden rücke ich regelmäßig mit dem Kopf, ohne ihn komplett aus dem Schlafsack zu stecken, nah an die Fensterscheibe und sehe draußen mal Nebel und mal Sterne, und in der Morgendämmerung gegen 5 Uhr höre ich Regen. Und fühle Erleichterung. Denn jetzt ist es klar: Wir wandern zurück, die ätzende Warterei und Abhängigkeit von fliegendem Personal hat ein Ende. Gegen 6 Uhr stehe ich auf, putze mir zur Feier des Tages draußen vor der Lodge am Wasserschlauch die Zähne und sehe viele Wolken, aber hohe Wolken. Und dann irgendwann in den nächsten 30 Minuten kommt mächtig Bewegung in die noch schläfrige Atmosphäre.
Die Frau des Chefs faselt was von Heli in ten minutes.
Pemba, unser sonst so tiefenentspannter Sherpa, wiederholt ganz aufgeregt die magischen Worte Heli in ten minutes. Und ich stolpere zum Kartoffelacker, sehr ungläubig und sehr skeptisch. Und natürlich kommt der Heli nicht, und die ersten tiefen Wolkenbänke ziehen ins Tal und ich trotte zurück zur Lodge. Unser Gepäck bleibt auf dem Acker. Ich trinke einen Tee und reserviere meinen Plastikstuhl am Ofen. Und dann höre ich es und sehe es auch – das Fluggerät von AIR DYNASTY HELI SERVICES. Da zuerst Lasten ausgeladen werden müssen, kann ich die letzte Wegetappe zum Helipad ohne Hektik hinter mich bringen.
Es ist kurz nach sieben Uhr. Der Scheibenwischer des Helis muss geschont werden.
Der Pilot hat gute Augen. Die mache ich kurz mal zu und wieder auf. Ich träume nicht, wir fliegen. Kothe adé!
Leider landen wir nach ein paar Minuten wieder. War alles doch nur ein Traum, ein Albtraum?
Nein
Nur ein Schreckmoment – ein kurzer Stopover mit Heli- und Pilotenwechsel. Nach 16 Tagen am Berg muss ich zwei Stunden später in Kathmandu endgültig wieder richtig duschen.
Interner Tipp zu meinen Mera Peak Blogeinträgen:
Mera Peak – der lange Zustieg –
Mera Peak – Gipfelanstieg –
Hier gibt es alle Infos rund um den Mera Peak, alle Gipfel mit Namen!
https://www.himalaya-info.org/mera_peak.htm
Bilder: Mark van Well, Pawan Rana, Christina Landenberger, Alex Kauz