„Schönes“ Nordzypern

Touristisch relevante Ziele waren weltweit über viele Jahren mein Arbeitsplatz. Nur logisch, dass ich mich bei meinen privaten Reisen eher nach nicht so relevanten Zielen sehne. Ein solches Ziel ist mit großer Sicherheit Nordzypern. Das Land im Norden und Osten der Mittelmeerinsel Zypern wurde von der Türkei im Jahre 1983 als Türkische Republik Nordzypern ausgerufen und von genau einem Land auf der Welt anerkannt: der Türkei!

Kein Wunder, dass fast alle Wege in dieses Land über die Türkei führen. Von Istanbul kommend landet man gerne spät abends in Ercan, dem Flughafen der Republik Nordzypern. Und sehr gerne bekommt man dann am Airport auch einen netten kleinen Mietwagen mit leerem Tank (man darf ihn auch leer zurückgeben). Nicht weiter tragisch, wenn nachts in Nordzypern Tankstellen geöffnet wären. Dem ist nicht so, daher besitzt eine individuelle Nordzypern Reise von Anbeginn einen gewissen Abenteueraspekt.

Das Ziel

meiner kleinen Reise lag auf der Karpaz Halbinsel. Dipkarpaz ist ein Landstädtchen mit kläffenden Hunden, röhrenden Traktoren und sensationell vielen Supermärkten mit völlig identischem Warenangebot. Mein Landhotel, das Arch House,

Hotel Arche House in Dipkarpaz
Das Arche House in Dipkarpaz

überzeugte mit bäuerlichem Charme und einem gut sortierten Frühstück. 13 Gurkenscheiben, 8 Tomatenscheiben, 8 Schafskäsebröckchen und 25 schwarze Oliven, dazu heißes Wasser für Nescafé und weißes Brot. Hassan im noch weißeren Hemd war der verantwortliche Food & Beverage Manager. Der mürrische Meister aus dem fernen Anatolien schaute mir sehr tief in meine Augen, als ich mir noch drei Gurkenscheiben nachholen wollte. Ich habe es trotzdem gemacht, zur Strafe hat er mein Frühstücksei knüppelhart gekocht. Für meinen geplanten Tagesausflug zu den wilden Eseln der Karpaz Halbinsel brauchte ich noch Proviant. Kein Problem bei der Dichte an Supermärkten dachte ich. Im Supermarkt meiner Wahl herrschte Ali über ein Warenangebot, das an Vielfältigkeit kaum zu unterbieten war und zudem völlig unsortiert vor den Blechregalen herumlag.

Der Supermarkt meiner Wahl

Ali entschuldigte sich: Ich habe drei Jobs, hier soll ich den Laden meiner Tante auf Vordermann bringen, gleichzeitig ihren kleinen Sohn hüten und in ihrem Restaurant am Golden Beach ihr Restaurant managen. Klar, das war zu viel für den jungen Ali. Ich kaufte ihm zwei staubige Wasserflaschen und eine Packung Schokokekse ab und versprach ihn am Nachmittag im Restaurant seiner Tante zu besuchen.

Und dann fuhr ich zu den 2000 wilden Eseln.

Wilde Esel auf der Karpaz Halbinsel
Wilder Esel bei Straßenüberquerung

Die 80 Kilometer lange Karpaz Halbinsel ist einsam, wild romantisch und auch ganz schön staubig. Die Vorfahren der jetzt hier lebenden Esel waren von ihren zypriotischen Besitzern auf der Flucht vor den Türken zurückgelassen worden. Sie hatten sich prächtig vermehrt, gedachten regelmäßig ihrer früheren Herren und verwüsteten deshalb auf späten Rachefeldzügen die Felder der türkischen Eindringlinge. Nah am Meer führte die kleine Straße entlang der Südküste in völlig unbesiedeltes Terrain bis zum Golden Beach. Einsam lag er kilometerlang vor mir, so schön und doch so schrecklich!

Müll aus aller Herren Länder wird hier angespült.

Golden Beach Nordzypern
Am Golden Beach

Nicht punktuell, sondern über viele, viele Kilometer. Ein unspektakulärer Hügel mit einem feinen Aufwind vom Meer besorgten mir weit schönere Aus- und Überblicke.

Fliegen über dem Golden Beach

Bis der kleine Hunger kam und den sollte ja Ali stillen. In der Strandtaverne seiner Tante bzw. seines Onkels wartete Ali schon auf mich. Ich war heute sein einziger Gast, daher blieb die Küche kalt, genauer gesagt: lauwarm wie das Wetter und das Bier. „Aber einen leckeren Salat, den kann ich dir machen,“ lautete Alis Ansage. In Minutenschnelle hatte er 5 Dosen geöffnet, mit Oliven, dicken Bohnen, Stangenbohnen, Maiskörnern und Rotebeete Scheiben. Von allem etwas auf einen tiefen Teller, dazu ein Saftgemisch aus den Dosen und ein 25 Grad warmes Efes Bier. Und dann hat Ali teuflisch aufgepasst, dass ich fein säuberlich alles aufgegessen habe. Zum Lohn spendierte er einen Raki auf Kosten des Hauses. Mit leichtem Magendruck machte ich mich auf den Rückweg nach Dipkarpaz und gönnte mir am Abend in meiner Stammkneipe vor Ort, Kafenion genannt, ein richtig kaltes Efes Bier. Ich hätte ein paar mehr trinken sollen, denn mitten in der Nacht brach im Dorf die Hölle los. Es war die Nacht auf den ersten Sonntag im November und da werden traditionell alle Kläffer, Tölen und Köter aus ihren Kisten und Zwingern gelassen, um den Herren der Schöpfung bei der Jagd zu helfen.

Der hat auch kurz mal Freigang

Auf der Jagd nach…?

Es gibt auf Nordzypern bis auf die genannten Esel keine freilaufenden Tiere mehr. Die Abermillionen leeren, bunten Schrotpatronen, die den Boden der Halbinsel flächendeckend verschönern, zeugen davon, dass hier jedes noch so kleine Getier tot geschossen wurde. Seitdem werden Brieftauben vom Himmel geholt, Hauskatzen von den Fenstersimsen geballert, sogar an Stallhasen wird sich vergriffen. Väter öffnen die Kaninchenställe ihrer Söhne und dann: Bumm!

Die Hatz dauerte bis in den späten Morgen, dann war alles Schrot auf alle verfügbaren Tauben und Kuscheltiere verschossen. Die Helden in ihren Tarnanzügen und Fantasieuniformen trugen lässig ihre Beute am Gürtel. Ich lungerte mit ihnen durchs Dorf und traf natürlich auf Ali. Eine sehr weiße Taube war von ihm durchsiebt worden, stolz reckte er sie in die Höhe. Die komplette Jagdgesellschaft traf sich anschließend im Kafenion. Die Tölen heulten wieder in ihren Holzkisten auf den Pickups, die Kinder im Dorf suchten ihre Katzen und Stallhasen und das Siegesgebrüll der Jagdherren wurde von keinem einzigen Taubengurren überlagert.

Ich bezahlte für mein Bett und die Gurkenscheiben im Arch House

und fuhr nach Famagusta, einem Pauschalreiseziel der ersten Stunde. Bis 1974, da kamen die Türken und seitdem sieht es so aus. Ich habe am Strand einen kleinen Mittagsschlaf gemacht, herrlich ruhig!

Ghost Town Famagusta/Nordzypern
Am ruhigen Strand von Famagusta

Anschließend stand der türkische Teil von Nikosia auf meinem Besuchsprogramm. Lefkosa besteht aus einigen Moscheen, sehr vielen Jeansläden und meinem Hotel: dem Saray Hotel mit angeschlossenem Casino im Keller. Awdi aus dem Libanon bewertet dieses Hotel auf Tripadvisor wie folgt: Sehr schlechtes Hotel ohne jegliche Einrichtungen. Da muss ich widersprechen. Mein Zimmer war eingerichtet, leider! Ich hätte es gerne unmöbliert genommen, ohne all die fiesen Gerüche, die von jedem Zimmergegenstand ausströmten. Aber: vom Dach des Hotels gab es einen top Blick auf die geteilte Stadt. Der hat mich mit Nordzypern versöhnt und den Gedanken in mir keimen lassen. Vielleicht doch nochmal herkommen. Es muss in Nordzypern doch auch Schönes zu entdecken sein. Ich muss mir einfach mehr Mühe geben.

P.S.

Ich habe eine zweite Reise nach Dipkarpaz unternommen. Die Gurkenscheiben im Arche House waren immer noch abgezählt, die Tölen hausten immer noch in ihren Holzkisten, am Golden Beach war keine Müllsammlerarmee vorbeigekommen, nur die Anzahl der Supermärkte hatte sich verändert. Es waren noch mehr.

Lust auf ein richtig schönes Reiseziel?

Hier der interne Link

Shangri-La!

Und hier der Link zu meinem Buch, darin gibt es die Geschichte im Langformat:

https://www.rowohlt.de/buch/mikka-bender-is-nebensaison-da-wird-nicht-mehr-geputzt-9783644444614

Ich - Mikka Ich war schon immer eher Läufer und nicht Rädchen-Fahrer. Wir wohnten am Hang, ein unbefestigter Feldweg führte zu unserem Haus. Wir haben unsere Räder immer mehr geschoben als gefahren. Später verdiente ich mein Geld als Bademeister und Fensterputzer, da war ich auch viel zu Fuß unterwegs, ja und dann habe ich mit dem Marathon laufen angefangen. Und mit dem Bergwandern, ich war auch Reiseleiter im Himalaya. Als das Heruntergehen meinen Knien nicht mehr gefiel, hab ich das Paragleiten gelernt. Soviel zu meiner Sportkarriere. Beruflich lief es auch nicht so glatt. Als Junge wollte ich die Wetterstation auf der Zugspitze übernehmen. Es hat dann nur zum Wetterfrosch ohne Ausbildung gereicht. Lehrer konnte ich auch nicht werden, da hatte ich zwar eine Ausbildung, aber das Land NRW keine Jobs. Also wurde ich eben Reiseleiter, Reisereferent, Reiseverkäufer, Reiseredakteur und Reisejournalist. Ich bin ein bisschen herumgekommen. Habe Reisefilme gedreht, Reiseartikel und zwei Reisebücher geschrieben. Ich habe vor und hinter der Kamera gestanden, den Mount Everest fast bestiegen und die Sahara quasi durchquert. Ich bin viele Berge hochgelaufen und heruntergeflogen und ich bin seit 65 Jahren Gladbach Fan. Ich wurde in Mönchengladbach geboren.

Comment (1)

  1. Kein Kommentar, eher empfehlenswerte Lektüre, 50er Jahre….

    Lawrence Durrell
    Bittere Limonen. Erlebtes Cypern („Bitter Lemons“). 24. Aufl. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-10993-X.

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