Mein Freund Mohan

Gibt es für eine Familie mit zwei Kindern eine Alternative zum Au-pair Mädchen?

Na klar, dachte ich als erfahrener Globetrotter. Ich heuere einen Sherpa aus dem Himalaya an. Ein Sherpa aus den Bergen am Mount Everest ist ein Mann für alle Fälle!

Ein Alleskönner aus dem Himalaya

Da stand ich mir erst einmal in der Ankunftshalle des Flughafens Frankfurt die Beine in den Bauch, bis er kam: unser Au-pair Boy mit Namen Mohan. Die erste Reise seines Lebens führte ihn aus dem Reich des Yeti in ein altes Bauernhaus in der Voreifel. Wir hatten uns von unserem letzten Au-pair Mädchen halbwegs erholt. Anniki aus Russland wechselte mehrmals täglich ihre Haarfarbe. Diese Prozedur nahm jedes Mal viele Stunden in Anspruch und versaute unser Badezimmer. Zudem: unsere Kinder erkannten ihre dritte häusliche Bezugsperson oftmals einfach nicht. Das sollte mit Mohan anders werden. Ich hatte meinen Freund Prem in Kathmandu gebeten, mir einen cleveren Sherpa-Burschen zu schicken, der den Umgang mit Ausländern von Trekking- und Expeditionstouren her kennt, der Deutsch lernen und mit mir Marathon laufen möchte, eine angemessene Entlohnung gebrauchen kann und Lust hat, Freizeit mit unseren Kindern kreativ zu gestalten.

Familie mit au-pair Boy Mohan
Von links: Astrid, Johanna, Philipp, Mohan

Da stand er jetzt: Mohan, mein Sherpa, der kein Sherpa war, stattdessen

„eine halbe Portion“, kaum größer als unsere Kinder und mit einem Blick, der mir sagen sollte: Bitte schick mich wieder nach Hause, ganz schnell! Das tat ich nicht, stattdessen gabs für ihn zwei Cheeseburger und einen Becher Cola auf die Hand und eine Fahrt über die Autobahn. In Nepal fuhr damals kein Auto über 50 Stundenkilometer schnell (wegen der Straßen, nicht wegen der Autos), mein Passat schaffte 170, entsprechend schaute Mohan aus der Wäsche. Und mir wurde klar. Ich kannte ihn. Er hatte vorher bei meinem Freund Prem als lebende PDC (park distance control) in dessen Touristenbus in Kathmandu gearbeitet, also als Bushelfer, der durch Klopfzeichen auf das Außenblech am Bus-Ende dem Fahrer Orientierung beim Rangieren seines Gefährts gibt. Warum hatte mir Prem „dieses dritte Kind“ geschickt? Zu Hause wartete das Empfangskomitee, mit staunenden Gesichtern bei unserem Eintreffen. Oh, was will der kleine Mann bei uns, haben die Kinder, Philipp und Johanna, gedacht. Und meine Frau Astrid eher pauschal: Was soll das?

Wir haben Mohan sein Zimmer gezeigt und er ist sehr schnell eingeschlafen.

Beim Frühstück dann hatte Mohan sein Tagwerk schon verrichtet. Wie üblich in Kathmandu wird früh am Morgen erstmal der Wagen/Bus gewaschen. Und da wir über fließendes Wasser verfügten, hatte Mohan unseren Passat lustvoll mit Wasser übergossen, bei minus 7 Grad. Seine Augen wurden groß und größer als er sah, wie ich mit Eiskratzern die Autoscheiben und Schlösser malträtierte. Die Kinder mussten zur Schule! Ich habe Mohan anschließend in Ruhe das Phänomen Eis erklärt (schwierig, weil wir keine gemeinsame Sprache verwenden konnten). Überhaupt habe ich Mohan viel erklärt, meine Frau auch. Mohan hat zugehört und zustimmend mit dem Kopf geschüttelt – das machen Asiaten so, wenn sie Zustimmung signalisieren. Trotzdem hat er unter unserem Esstisch gekehrt und gewischt, wenn wir beim Essen saßen. Das hat uns irritiert, aber wir waren auch lernfähig. Mohan tat Gutes, wenn es ihm in den Sinn kam und wenn er sicher sein konnte, dass wir seine Arbeit sehen und anerkennen würden. Und dann hat Mohan angefangen Deutsch zu lernen, in einem Sprachzentrum mitten in Bonn. Alles war neu für ihn, unbekannt und auch vieles beängstigend und anstrengend. Seine Lernerfolge waren erst bescheiden und dann ganz schnell ziemlich imponierend.

Zum Lohn durfte er im Sommer mit uns nach Österreich fahren.

An der Grenze haben wir ihn unter Decken versteckt, bei seiner Größe kein Problem. Auf unserer Berghütte traf er auf einen echten Landsmann, einen Sherpa, der dort als Träger arbeitete.

Ein Nepalese n den Alpen
Mohan, Neffe Sören und Philipp

Da war Mohan schon lange zu einem Freund geworden,

einen Sherpa brauchten wir nicht mehr. Die Kinder mochten Mohan sehr, für unseren Sohn wurde er fast zum großen Bruder.

Im Herbst sollte Mohan ein paar Tage unser Haus hüten

und Philipps Rennmaus in ihrem Käfig versorgen. Als Mohan am ersten Tag unserer Abwesenheit auf dem Weg zum Füttern war, kam ihm auf der Treppe eine Maus entgegen. Mohan hatte gesehen, dass sich auch die gemeine Hausmaus bei uns sehr zu Hause fühlte und ich an manchen Tagen bis zu 8 Exemplare per Falle zu Fall brachte. Und da dachte er wohl: was der Mikka nur mit Falle kann, schaffe ich mit meinen Hausschlappen. Also nahm er seine rechte Hausschlappe, erschlug die Maus, freute sich und begab sich zum Käfig der Wüstenrennmaus, die er allerdings gerade erschlagen hatte, wie ihm zügig klar wurde, weil der Käfig verwaist war. Er ist dann in die nächste Zoohandlung gerannt und hat eine neue Maus gekauft, was ihm sehr schwergefallen sein muss, wusste er doch, dass ich die Viecher „im Dutzend billiger“ um die Ecke brachte. Und leider war die neue Maus, keine Wüstenrennmaus. Sie war eher schleichend unterwegs, was Philipp bei seiner Rückkehr negativ auffiel. Dass seine Rennmaus von Mohan erschlagen und ersetzt worden war, hat er erst Jahre später erfahren

Mohan kommt aus einem Dorf im Helambu Himalaya,

bis vor kurzem noch eine gebirgige Region ohne Straßen und Verkehr. Von daher war Mohan „Rennen“ nicht fremd. Im Gegenteil, er war es gewohnt. Und als ich ihm sagte, er solle mal 42 Kilometer mit mir rennen, hat er das gemacht, sehr erfolgreich, sehr schnell! Er blieb beim Hamburg Marathon nur hinter mir, weil er Sorgen hatte sich zu verrennen.

Ein Nepalese beim Hamburg Marathon
Marathon Team von links: Hans, Mohan, Lorenz, Hans-Gerd

Als sein Trainer und Manager hätte ich gutes Geld mit ihm verdienen können, leider hat Mohan sehr schnell realisiert, dass ihn Busse, Bahnen und Autos auch zum Ziel brachten. Genau ein Jahr hat er bei uns und mit uns gelebt, er hat Deutsch gelernt, gutes Geld verdient (seinen Verdienst hat er zu hundert Prozent mit nach Hause genommen) und vor seinem Rückflug Sekundenkleber in die Schlösser seines Kunststoffkoffers geträufelt. Gibt es einen besseren Schutz vor Kofferschloss-Knackern?

Als „Busklopfer“ hat Mohan anschließend nicht mehr gearbeitet.

Er ist sehr schnell zum deutschsprechenden Tourguide aufgestiegen und hat sich anschließend erfolgreich mit einem eigenen Bekleidungsgeschäft selbständig gemacht. Wenn dort Not am Mann ist, helfen Frau und Kinder mit. Mohan hat drei Kinder. Er war schon Vater, als er zu uns kam. Damals war seine Tochter sechs Monate alt, das haben wir erst viele Jahre später erfahren. Auch mein Freund Prem wusste nichts von Mohans frühem Vaterglück – vielleicht.

Mohan mit Tochter und Honda
Heute ist die Tochter groß

Mohan und ich sehen uns regelmäßig

und können uns blendend auf Deutsch unterhalten, dank Mohans Sprachbegabung.

Hemden Store in Kathmandu
Besuch mit Philipp in Mohans Geschäft, während einer unserer TV Produktionen über Nepal

In diesen Zeiten schickt er mir regelmäßig Sprachnachrichten, es ist eine große Freude sie abzuhören.

Ich - Mikka Ich war schon immer eher Läufer und nicht Rädchen-Fahrer. Wir wohnten am Hang, ein unbefestigter Feldweg führte zu unserem Haus. Wir haben unsere Räder immer mehr geschoben als gefahren. Später verdiente ich mein Geld als Bademeister und Fensterputzer, da war ich auch viel zu Fuß unterwegs, ja und dann habe ich mit dem Marathon laufen angefangen. Und mit dem Bergwandern, ich war auch Reiseleiter im Himalaya. Als das Heruntergehen meinen Knien nicht mehr gefiel, hab ich das Paragleiten gelernt. Soviel zu meiner Sportkarriere. Beruflich lief es auch nicht so glatt. Als Junge wollte ich die Wetterstation auf der Zugspitze übernehmen. Es hat dann nur zum Wetterfrosch ohne Ausbildung gereicht. Lehrer konnte ich auch nicht werden, da hatte ich zwar eine Ausbildung, aber das Land NRW keine Jobs. Also wurde ich eben Reiseleiter, Reisereferent, Reiseverkäufer, Reiseredakteur und Reisejournalist. Ich bin ein bisschen herumgekommen. Habe Reisefilme gedreht, Reiseartikel und zwei Reisebücher geschrieben. Ich habe vor und hinter der Kamera gestanden, den Mount Everest fast bestiegen und die Sahara quasi durchquert. Ich bin viele Berge hochgelaufen und heruntergeflogen und ich bin seit 65 Jahren Gladbach Fan. Ich wurde in Mönchengladbach geboren.

Comments (3)

  1. Sehr schöner Bericht über Mohan.

  2. Es hat mir richtig Spaß gemacht, den Bericht über Mohan zu lesen. Ich hatte ja das Glück Mohan in Wormersdorf und beim Hamburg Marathon kennen zu lernen.

  3. Es war eine große Freude den Bericht über Mohan zu lesen. Ich hatte das große Glück Mohan in Wormersdorf und beim Hamburg Marathon kennen zu lernen.

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