An einem Sonntag – Jagdabenteuer

Hinter der Hütte

stehen die Latschen, krumm und fiebrig, altersschwach und zäh. Bis hin zum morschen Fels, der den ganzen Berg gefangen hält. Brocken und Platten donnern seit Tagen durch die Rinne, die den Berg teilt. Der Südföhn reißt an den obersten Flanken, die in der Sonne liegen. Weiter unten, rund ums Dorf, hat schon der Schatten das Regiment übernommen. Das Wasser im Trog vor der Tür ist bereits halb gefroren, da hilft auch der Föhn nicht. Hinter der Tür, in der niedrigen Kuchel, bollert der Ofen aus allen Rohren. Der Schamott hatte die Hitze mal gehalten, jetzt flieht sie durch den Kamin, so schnell wie sie entstanden ist. Und mit ihr der fein säuberlich zerhackte Bergwald.

Hütte auf der Stockachalm

Hacken, Kochen, Schlafen, Schauen, Klettern, Jagen

– so gehen die Tage dahin. Solange der Schnee auf sich warten lässt, liegt hier sein Paradies. Auf 1800 Metern Meereshöhe, mit Südtirol im Rücken und dem Großvenediger vor der Brust. Der tiefe Talgrund ist nicht mehr einzusehen, gut so. Dort unten wird gewerkelt, getratscht und gebrannt. Und auf die Sonne gewartet, 3 Monate lang, öd!

Hier oben bläst nur der Föhn durch die Latschen und über Mittag kommt die Sonne für zwei Stunden, immerhin. Dann macht er Pause vom Hacken und Sägen und lässt sich vor der Hüttenwand wärmen und den Blick in die Wände schweifen, das Fernrohr auf den Knien.

Kommt der Schatten gekrochen,

verzieht er sich an den Ofen, hofft, dass das Wetter ihn noch nicht so bald vom Berg scheucht. Und spätestens, wenn die Dunkelheit Einzug hält, hat er Schinken und Brot verspeist, mit einer Zirbe nachgespült, den Ofen noch einmal gestocht und sich in Klamotten ins Bett gleich nebenan verkrochen.

Blick zum Finsterwitzkopf, mit Felswand nach Osten

Schlafen kann er hier oben wie ein Stein. Der Föhn schläft mit ihm ein, Totenstille weit und breit.

Einmal wankt er in der Nacht ins Freie, pinkelt an seine Pinkellatsche und sieht die Sterne. Dann haut er sich wieder hin. Licht braucht er keines, und er weiß: morgen passt das Wetter! Sie werden zum Kirchgang aufbrechen und ich zum Berg.

Um sechs in der Früh ist er auf.

Ein Schritt zum Ofen, den Rüttelrost bedienen. Dann zieht er Mütze und Jacke über, tritt vor die niedrige Tür und sieht in den Sternenhimmel. Katzenwäsche am eisigen Trog, Pinkeln an der Latsche und Reisig vom Haufen an der Hüttenwand. Der Ofen zieht, kein Föhnwind stört den Abzug. Schnell wird es warm, auch das Wasser im großen Topf. Der steht noch von gestern halb voll auf der Platte. Er macht sich einen heißen Früchtetee, isst dazu wieder sein Kümmelbrot, jetzt am Morgen mit Butter und Marillenmarmelade. Über sein dickes Flanellhemd zieht er die Lodenjacke, an die Füße kommen die im Fels und Eis bewährten Schuhe.  Dann packt er seinen alten Lederrucksack. Handschuhe, Mütze, Ersatzhemd und Wollpullover, Wasserflasche, ein Stück Speck und Brot, und Munition für seine Mauser.

Die hängt er sich über die Schulter,

das Fernglas um den Hals. Den Pirschstock nimmt er vom Haken an der Wand und lässt die Hütte, wie sie ist, zurück. Aufräumen kann er später, jetzt will er hoch an die Wand. Es dämmert und dank des klaren Wetters sieht er gut seinen Steig nach oben. Bald schon erscheint die Sonne an den Gipfelspitzen der Dreitausender. Harmlose, hohe Zirren zeigen, dass der Wind geht, aber ihn nicht stören wird. Das Wetter sollte halten. Die letzten Krüppelkiefern, Latschen und Alpenrosen bleiben unter ihm, braunes Gras, mit Raureif und einer dünnen Schneeschicht überzogen, begleitet ihn dafür. Zwischendurch bleibt er stehen, sucht mit dem Fernglas die steilen Hänge ab und sieht gegen halb neun das Gamsrudel gut getarnt in einer steilen, brüchigen Felsrinne, knapp 400 Höhenmeter schräg über ihm.

Neun Tiere zählt er.

Der Steig verliert sich im Schotter, der dem Gras folgt. Auch wenn er stetig steigt, jetzt von Fels zu Fels, schwitzt er kaum. So oft war er hier oben schon auf der Pirsch, die Steilheit des Berges kann ihn nicht beeindrucken. Er kennt sie, auch die Gefahr, die ihm jetzt droht, wenn sich weiter oben Steine in der Sonne lösen. Er lässt die Rinne nicht außer Acht, er bleibt beständig seitlich unter ihr. Es dauert fast eine weitere Stunde, dann hat er unterhalb eines Pfeilers einen guten Stand gefunden. Er hatte das Rudel schon gestern bei einem kurzen Ausflug entdeckt. Jetzt steht es höher, ganz still in den ersten Sonnenstrahlen. Noch passt der lokale Wind am Hang. Er weht noch klar von den verschneiten Gipfellagen hinab.

Gipfellagen

Das wird auch noch eine Weile so bleiben, denn das Tal liegt kalt im Schatten und kann keine thermischen Winde ausprägen, die ihn verraten würden.

Er trinkt einen Schluck Wasser und kaut ein Stück Speck,

dann steigt er gleichmäßig weiter und sieht dabei, dass das Rudel sich teilt. Wieder sucht er einen Stand und schaut durchs Glas. Ein starker Bock, der immer schon abseits stand, geht jetzt seiner Wege. Er steigt in seine Richtung, aber die Rinne bergauf, Richtung Scharte. Jetzt lässt er den Bock nicht mehr aus den Augen. Jagdfieber und Adrenalinspiegel steigen.

Ein Abschuss zum Kirchengeläut würde ihm schon taugen.

Aber der Bock macht es ihm schwer. Er ist bis auf gut hundert Meter heran, aber das Gelände lässt keinen sicheren Stand mehr zu. Er lässt den Stock an einer wiedererkennbaren Stelle zurück, muss die Hände jetzt dauerhaft einsetzen. Ein im Schatten liegender, vereister Kamin bleibt jetzt als einziger Weg, weiter nach oben. Wo ist der Bock?  Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Der Fels ist jetzt fast überall vereist. Gestern hat es im Föhn getaut und in der Nacht wieder stark gefroren und jetzt ist die Temperatur so im Keller, dass die Sonne nur wenig Chancen besitzt. Sie verschwindet eh hinter einer von Süden aufziehenden Wolkenschicht. Ihm fällt das Steigen schwerer, der Bergkamm mit der eingelagerten Scharte liegt nur noch zweihundert Meter über ihm. Bis hier oben war er noch niemals jagen. Warum treibt der Bock ihn immer weiter. Die Entfernung würde noch stimmen, es fehlt ein Stand. Und der Bock müsste sich einmal richtig zeigen. Jetzt ist er schon drei Stunden auf der Pirsch, er braucht eine Pause und eine Jause, halb im Hocken, an den Fels geklemmt. Unter ihm im Tal zieht Nebel auf, die Temperatur fällt in Minutenschnelle und das Tauwasser auf den Felsen gefriert schon wieder. Noch einmal schaut der Bock sekundenlang zu ihm mitleidig hinunter, dann springt er in wenigen Sätzen hinauf in die Scharte und verschwindet hinter Fels und ersten Wolkenfetzen. Die ziehen von unten und oben. Jetzt kommt ihm die Erkenntnis, dass es nicht mehr um den Bock geht.

Er ist zu weit geklettert, viel zu weit.

Da, wo es hoch ging, geht es nicht wieder hinunter. Mit dem aufkommenden Hagelschauer peitscht der Wind gegen die Bergflanken. Er friert und schlottert, wird steif in seiner gekrümmten Haltung und denkt an die Kirchgänger unten im Tal. Zwei Schritte schafft er zurück, dann rutscht er mit Geröll, klammert kurz mit klammen Fingern und verliert dann ganz den Halt.

Sie finden ihn im späten Frühjahr.

Eine Nassschnee-Lawine hat ihn irgendwann im Spätwinter endgültig zu Tal getragen und abgelegt ganz nah an diesem Wegekreuz.

Ich - Mikka Ich war schon immer eher Läufer und nicht Rädchen-Fahrer. Wir wohnten am Hang, ein unbefestigter Feldweg führte zu unserem Haus. Wir haben unsere Räder immer mehr geschoben als gefahren. Später verdiente ich mein Geld als Bademeister und Fensterputzer, da war ich auch viel zu Fuß unterwegs, ja und dann habe ich mit dem Marathon laufen angefangen. Und mit dem Bergwandern, ich war auch Reiseleiter im Himalaya. Als das Heruntergehen meinen Knien nicht mehr gefiel, hab ich das Paragleiten gelernt. Soviel zu meiner Sportkarriere. Beruflich lief es auch nicht so glatt. Als Junge wollte ich die Wetterstation auf der Zugspitze übernehmen. Es hat dann nur zum Wetterfrosch ohne Ausbildung gereicht. Lehrer konnte ich auch nicht werden, da hatte ich zwar eine Ausbildung, aber das Land NRW keine Jobs. Also wurde ich eben Reiseleiter, Reisereferent, Reiseverkäufer, Reiseredakteur und Reisejournalist. Ich bin ein bisschen herumgekommen. Habe Reisefilme gedreht, Reiseartikel und zwei Reisebücher geschrieben. Ich habe vor und hinter der Kamera gestanden, den Mount Everest fast bestiegen und die Sahara quasi durchquert. Ich bin viele Berge hochgelaufen und heruntergeflogen und ich bin seit 65 Jahren Gladbach Fan. Ich wurde in Mönchengladbach geboren.

Comments (2)

  1. Hans Küpper

    Schade dass „Er“ bei der Jagd umgekommen ist. Hätte gerne noch mehr über sein Leben in den Bergen gelesen. Sehr schöne Kurzgeschichte.

  2. Schade dass „Er“ bei der Jagd umgekommen ist. Ich hätte gerne noch mehr über sein Leben in den Bergen gelesen. Sehr schöne Kurzgeschichte.

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