Indien pur mit Dieter Nuhr

Folge 1 –

Tag 1 –

Als ich Dieter Nuhr und seine Frau Jutta Anfang Mai in New Delhi traf, gab es absolut nichts zu lachen. Das lag nicht an den weit über 40 Grad im Schatten, sondern an unserem Freund Pierre und seiner Frau Mona. Die Beiden waren schon einen Tag früher nach Delhi geflogen und wollten uns für unseren gemeinsamen Weiterflug nach Srinagar (Kaschmir) im nationalen Terminal des Flughafens treffen. Wir waren da, aber Pierre und Mona nicht.

Pierre ist ein professioneller Kamera-Mann und als solcher immer bestens ausgerüstet. Ein Satellitentelefon gehört bei ihm zur Standardausrüstung, er ist ein Weltenbummler, er geht sogar regelmäßig mit Scheichs auf Falkenjagd. Also schob er seine telekommunikative Allzweckwaffe frohgemut durch die Schleuse an der Sicherheitskontrolle. Nicht ahnend, dass das tolle Teil von indischen Sicherheitsleuten in etwa wie eine Panzerfaust behandelt wird, zumindest, wenn der Panzerfaust-Besitzer mit seinem Spielzeug beabsichtigt, in ein Hochsicherheitsgebiet an der Grenze zum indischen Erzfeind Pakistan zu fliegen.

Im nationalen Flughafen New Delhi
Hier geschah das Unglück

Dass Internet-Reiseforen ausdrücklich vor der Mitnahme von Satellitentelefonen und Panzerfäusten nach Kaschmir und Ladakh (unserem endgültigen Reiseziel) warnen, hatte Pierre geflissentlich überlesen. Und so gerieten Pierre und seine mitgehangene und damit mit gefangene Mona in die unerbittlichen Fänge der indischen Justiz. Die somit dezimierte Reisegruppe ließ es sich nicht nehmen nach kurzem Flug auf einem komfortablen Hausboot auf dem Dal-See bei Srinagar, der Hauptstadt Kaschmirs, einzuchecken.

Hausboot auf Dal See / Kaschmir
Unser schwimmendes Domizil

Jutta, Dieter und ich gondelten auf einer romantischen Shikara durch den floating market des Dal-Sees und genossen später die Gourmet-Genüsse unseres Hausboot-Kochs.

Dal See in Srinagar / Kaschmir
Hausboote und Shikaras (den Gondeln in Venedig ähnlich) auf dem Dal See

Tag 2

Am nächsten Tag besuchten wir Moscheen und Hängende Gärten. Dabei bekam Dieter zu viel Sonne auf den Kopf, Jutta suchte folglich verzweifelt eine Sonnenkappe, fand aber nur Bommelmützen. Inder tragen Bommelmützen in allen Jahreszeiten. Und ich freute mich nach vielen Jahren wieder einmal an einen bedeutenden Ort meiner Jugend zurückgekehrt zu sein. Im Frühjahr 1979 hatte ich mit meiner Frau einige Wochen auf einem Hausboot verbracht. Wir waren auf der Rückfahrt von Kathmandu nach Bonn und warteten auf eine günstige Gelegenheit, Pakistan und Afghanistan zu durchqueren. In Pakistan wurde am 4. April 1979 der ehemalige Staatspräsident Zulfikar Ali Bhutto hingerichtet und in Afghanistan herrschte Bürgerkrieg und der russische Einmarsch stand bevor.

Während Dieter, Jutta und ich es uns im sogenannten Happy Valley gut gehen ließen,

Blick auf Dal See und Srinagar/Kaschmir im „Happy Valley“

bekam Pierre seine Rechte vorgelesen, in einer Sprache, die er nicht verstand. Was ihm aber sein inzwischen für 500 Euro engagierter windiger Anwalt zum Thema drohendem Strafmaß verklickerte, verstand er nur zu gut: Geldstrafe im besten Fall, drei Jahre Knast im eher ungünstigen Fall. Am Mittag hatte er Verhandlung, die dauerte etwa 90 Sekunden. Er wurde zu einer Geldstrafe von umgerechnet Euro 12,50 verdonnert, seine Panzerfaust wurde bis auf Weiteres konfisziert, er nahm anschließend zeitnah den Flieger nach Srinagar und gönnte sich zum Abend auf dem Hausboot eine Flasche Rotwein für 56 Euro. Soweit wir anderen feststellen konnten, hatte die üble Behandlung der indischen Justiz bei Pierre keine bleibenden Schäden hinterlassen. Hätte uns auch gewundert.

Tag 3

Am nächsten Morgen war Schluss mit sommerlicher Seeidylle.

Stau und Schnee am Zoji La

Drei Fahrstunden später standen wir im Schneeregen mit tausenden indischen PKW- und Lastwagen-Fahrern in einem gewaltigen Passstraßen-Stau. Im Schritttempo gings über den ersten Himalaya Pass (Zoji-La / 3528 m). Für gut 200 Kilometer benötigten wir knapp 12 Stunden und landeten in der Dämmerung in Kargil. In einem Reiseführer heißt es zu dieser Stadt: „Wanzenloch ist eine sehr gängige und wohl auch die treffendste Bezeichnung für diese heruntergekommene Stadt“. Da Dieter noch an der Überhitzung seines Kopfes vom Vortag litt und die Ruckelfahrt über den Pass ihn etwas mitgenommen hatte, freute er sich am meisten von uns auf sein Wanzenlager. Und wurde selten so enttäuscht, statt Wanzen eine adrette Hotelmanagerin, statt feuchter und muffiger Bettkuhle ein herrlich frisches Himmelbett, in dem augenblicklich seine Genesung einsetzte.

Tag 4 und Tag 5

Am nächsten Morgen wurden wir von unserem neuen Team begrüßt.

Unser Team von links: Bala, Tashi, Haroon

Zwei Halbstarke als Fahrer, Bala und Haroon mit Namen und deren Boss und bald auch unser Boss: Tashi. Die Halbstarken entpuppten sich in der Folgezeit als großartige, immer bestens gelaunte und absolut sichere Könige der Himalaya-Bergpisten. Und Tashi glänzte  mit großer Souveränität als Organisator, Reiseführer, Kunsthistoriker, Religionslehrer und Kameraassistent.

Mitten in Ladakh / Indien
Unzertrennlich: Dieter und Tashi

Denn als Dieter kurz hinter Kargil beim kleinen Ort Mulbekh die mächtige Felsskulptur des Buddha Maitreya erblickte, wusste er: Wir sind im Buddha-Land. Seine Krankheitssymptome verblassten augenblicklich, seine Betriebstemperatur sprang in die Höhe, seine Kameras glühten und Tashi’s Karriere als Meisterschüler nahm gewaltig an Fahrt auf.

Zum Verständnis sei spätestens an dieser Stelle gesagt:

Dieter Nuhr ist nicht nur ein Kabarettist, sondern auch ein erfolgreicher, Fotograf und bildender Künstler.

Nach Überschreiten der Religionsgrenze (Islamismus/Buddhismus) lief endlich alles wie am Schnürchen. Auch das Wetter hatte ein Einsehen und so konnten die Besuche der ersten Klöster Lamayuru, Rizong, Alchi und die Burg- und Klosteranlage von Basgo die Herzen der kleinen Gruppe wundervoll erwärmen.

Alles war im Lot, der Kopfstand von Mona,

Dieter und Mona bei der Arbeit am Namikala Pass (3700 m)

die immerwährende Gelassenheit von Jutta, der stets kleine Hunger von Pierre und Dieters konzentrierter Blick durch die Linse. Dass im Kloster Alchi keinerlei Innenaufnahmen gemacht werden dürfen, nahm Dieter gelassen zur Kenntnis. Er wusste, dass er noch viele Klöster auch von Innen ablichten würde. Denn vor gut zehn Jahren waren wir schon einmal in Ladakh. Wir wollten nach Tibet, da hatte Pierre kein Satellitentelefon dabei, aber einen falschen Stempel im Pass. Daraufhin sagte die chinesische Botschaft in Kathmandu: Visum not possible! Wir stellten unsere Pläne um, landeten in Ladakh und „fingen Feuer“.

Pangong Lake in Ladakh
Unser Ziel: das Dach der Welt

Auch an meinem Zustand war nichts auszusetzen. Zufriedene Reisegruppe = zufriedener Reiseleiter. Bei Ankunft in Leh, der Hauptstadt Ladakhs, wartete ein Zeltlager auf uns. Das Chamba Camp sieht aber nur von außen wie ein Zeltlager aus. Innen gabs ganz schön viel Luxus, wir genossen ihn.

Zelt im Chamba Camp in Leh / Ladakh
Irgendwie mehr als ein Schlafzelt

Wir hatten die 3000 Meter Höhenmarke jetzt dauerhaft überschritten, was zu eher tapsigem Gang und leichten Ausfallerscheinungen in der Birne führte. Man fand das ein oder andere Wort nicht, verlor die Uhr mitunter aus den Augen und wies insgesamt kleinere Erinnerungslücken auf. Wir erkannten uns aber noch gegenseitig – das war gut. Gut war auch, dass wir keinerlei Alkohol zu uns nahmen. So waren unsere Ausfälle klar der Höhe zuzurechnen und nicht etwa gepanschtem, indischen Whiskey.

Tag 6

Das Besuchsprogramm des nächsten Tages war prall gefüllt: zuerst das Kloster Shey, dann das über unserem Camp aufragende Kloster Thiksey und anschließend die Hauptstadt Leh mit seinem Palast.

Das Team am Palast von Leh, vorne: Mona und Pierre, hinten: Dieter, Jutta, Tashi und ich

Zur Erklärung sei an dieser Stelle angemerkt. Ein Besuch in einem buddhistischen Kloster in Ladakh lässt alle Sinne jubilieren und ist ein vielschichtiges Erlebnis. Die Lage der Klöster, ihre lebendige Geschichte, ihre oft Jahrhunderte alten Kunstwerke und Bibliotheken. Dazu die völlig entspannte Offenheit der Mönche,

Dieter Nuhr in buddhistischem Kloster
Dieter kann auch zuhören

die in den Klöstern leben und Besucher bei ihren Gebeten, ihren Ritualen, Alltagsarbeiten, sogar manchmal bei ihren Mahlzeiten willkommen heißen.

Buddhistische Mönche in Ladakh bei der Vorarbeit zu einem Sandmandala
Mönche bei der Vorarbeit/Zeichnung für ein Sandmandala

Ein Tag, prall gefüllt mit Eindrücken, wurde am Nachmittag mit einem Espresso auf der Marktstraße in Leh gekrönt. Bei meinem ersten Besuch mit meiner Frau, vor ca. 40 Jahren, gab es hier nur Staub und Sand in die Augen und Buttertee in den Magen.

Der Abend im luxuriösen Essenszelt wurde zunächst von nur einem Thema bestimmt.

Chamba Camp Thiksey / Ladakh
Unser Essenszelt

Sollten wir bei gut voranschreitender Höhenakklimatisation wieder ein Glas Bier am Abend zu uns nehmen dürfen? Das Meinungsbild fiel eindeutig positiv aus. Bei der sich anschließenden Diskussion über die weltpolitische Lage im Allgemeinen und das deutsche Erscheinungsbild im nationalen wie internationalen Kontext war ein einheitliches Meinungsbild nur in homöopathischen Dosen zu erkennen. Da sorgte die dünne Höhenluft jetzt dafür, dass es zu keinen Handgreiflichkeiten unter uns kam. Schon gegen 9 Uhr fielen wir ermattet auf unsere Lager und kuschelten mit der von den guten Campgeistern bereit gelegten Wärmflasche.

Folge 2: nächste Woche

Hier der Link zu Dieter Nuhr und seiner Kunst/Fotografie:

https://dieternuhr.de

Link zu unserem Camp bei Leh

https://tutc.com/chamba-camp-thiksey.php

Noch eine Indien Geschichte auf meinem Blog lesen?

Delhi Doping – Indien aktuell

Über unserem Lager bei Leh: das Kloster Thiksey

Ich - Mikka Ich war schon immer eher Läufer und nicht Rädchen-Fahrer. Wir wohnten am Hang, ein unbefestigter Feldweg führte zu unserem Haus. Wir haben unsere Räder immer mehr geschoben als gefahren. Später verdiente ich mein Geld als Bademeister und Fensterputzer, da war ich auch viel zu Fuß unterwegs, ja und dann habe ich mit dem Marathon laufen angefangen. Und mit dem Bergwandern, ich war auch Reiseleiter im Himalaya. Als das Heruntergehen meinen Knien nicht mehr gefiel, hab ich das Paragleiten gelernt. Soviel zu meiner Sportkarriere. Beruflich lief es auch nicht so glatt. Als Junge wollte ich die Wetterstation auf der Zugspitze übernehmen. Es hat dann nur zum Wetterfrosch ohne Ausbildung gereicht. Lehrer konnte ich auch nicht werden, da hatte ich zwar eine Ausbildung, aber das Land NRW keine Jobs. Also wurde ich eben Reiseleiter, Reisereferent, Reiseverkäufer, Reiseredakteur und Reisejournalist. Ich bin ein bisschen herumgekommen. Habe Reisefilme gedreht, Reiseartikel und zwei Reisebücher geschrieben. Ich habe vor und hinter der Kamera gestanden, den Mount Everest fast bestiegen und die Sahara quasi durchquert. Ich bin viele Berge hochgelaufen und heruntergeflogen und ich bin seit 65 Jahren Gladbach Fan. Ich wurde in Mönchengladbach geboren.

Comments (2)

  1. Wolfgang Lehmann

    Respekt und Glückwunsch, lieber Mikka. Toller Reisebericht!!👍

  2. Hans Küpper

    👍

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